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Rückzugsorte by Mikael Rudolfsson - Trombone

Die Landschaft dort unten erscheint mir so unwahrscheinlich vielfältig schön und ich frage mich: wie haben es die modernen Bauern geschafft, derart kreativ in farbigen, scheinbar ungeplanten Strudeln zu stricken? Was wollen sie mir damit sagen?

Ich fliege durch den Himmel und ein neuer Gedanke prallt auf mich zu, wie ein entgegenkommendes Flugzeug: Es gibt kaum echte Rückzugsorte mehr. Ich meine, nicht abgelegene Orte zur Erholung, die gibt es schon. Nein, ich meine Rückzugsorte an denen man sich vor sich selbst zurückziehen kann, vor dem körpereigenen, ja fast vorprogrammierten Drang, ständig etwas zu machen, etwas zu verbessern, etwas zu leisten.

Langstreckenflüge wie dieser ermöglichen solche Erfahrungen. Es ist komplett erstaunlich, was es mit mir tut wenn ich weiß, dass mir die nächsten sechs oder acht Stunden nichts anderes als das passieren wird. In der Luft hängen. Im Moment sein. Eine Lücke in der Zeit, zwischen den Zeitzonen, ein einziges großes Hier-und-Jetzt und doch weit weg von der Gegenwart. Ein Ort an dem Vergangenheit und Zukunft aufeinandertreffen.

Weit über dem Ozean in diesem Freiraum denke ich über meine Träume nach, über Verlorenes und Gefundenes, finde Sandkörner heutiger und gestriger Hoffnungen. Der reife, freie Moment kommt gerade wie wir die Küste Irlands verlassen und aufs offene Meer steuern. Das Meer. La Mer. Debussy, du hattest recht. Das bebend grüne unter uns, das frei fließende in uns.

Barenboim by Mikael Rudolfsson - Trombone

Der alte Maestro sitzt auf seinem Thron. Es geht ihm immer noch gut, aber er ist nicht mehr unangefochten. Er bleibt ruhig, obwohl die Welt um ihn tobt - vor Vorwürfen, vor großen Veränderungen, vor den Nachbeben der #metoo-Welle. Und, bei all seiner Grantigkeit und Dominanz hat er recht, auf seiner Erfahrung fundierend schaut er durch das Fenster der Klarheit und stellt fest:

"Es ist einer der großen Fehler unserer Zeit, dass wir Bildung mit Information verwechseln und Gleichheit mit Menschlichkeit."

So kurz kann man es zusammenfassen. Hätte ich nicht aufgepasst, das Geniale an diesem Satz wäre an mir vorbeigegangen. Aber es stimmt - ich habe es so oft mit meinen eigenen Augen gesehen - wie die selbsternannten "modernen" Menschen die wahren Werte und die ernsthafte Arbeit an der eigenen Persönlichkeit aufgeben und desperat nach dem Messbaren suchen. Messbare Dinge - wie Gleichheit oder Informationsflow, wie Geld oder Wachstum. Aber - die Realität und wir Menschen die ihr beiwohnen sind nunmal komplex, komplexer als wir manchmal wahrhaben wollen. Zum Glück ist der Maestro jetzt ist in Schwung gekommen, er ist nicht zu stoppen, er setzt fort:

"Wir sind nicht alle gleich, wir sind alle verschieden. Natürlich haben alle Menschen Anspruch auf die gleichen Rechte , egal wie verschieden sie sind. Aber unsere Unterschiede machen uns menschlich. Die Musik lehrt und das. In der Musik geht es um Kontrapunkt, um Kontraste."

Eben, der farbenreiche Schimmer der Schönheit: die Vielfalt und die Kontraste. Das eigene Leben als cantus firmus, in wunderbarster Relation zu den anderen Stimmen. Mit unzähligen, rätselhaften und aufregenden Spannungen und Reibungen. Alles vereint unter einem einzigen, großen Bogen. Lass uns kurz nachdenken und uns gemeinsam für die Polyphonie entscheiden! Für die unendlichen, spektralen Möglichkeiten unseres Daseins. Nur eine einzige einsame Stimme in einer monotonen und unharmonisierten Welt wäre so fad.

The Happiness Machine by Mikael Rudolfsson - Trombone

“Was ist das tollste Ergebnis von unserem Wohlstand?

Für mich ist es die Kultur, dass wir die Zeit übrig haben und Geld übrig haben und Menschen übrig haben, die in Opernhäusern und Theatern sich einfach nur mit Schönheit oder auch mit dem Lebensgeschehen beschäftigen. Sich damit beschäftigen, was ist das überhaupt, Mensch zu sein? Was kann das sein?

Für mich ist es die Musik. Das ist die Sprache, die ich am besten verstehe, wo ich diesen direkten Zugang hab, obwohl ich Theater liebe oder Literatur, natürlich, aber Musik geht so: „krk“ rein, ohne dass ich mich wehren kann, sie muss nicht erst mal durch den Kopf, und das ist glaub ich, wenn man diesen Zugang zu den Menschen finden kann, dann kann man was bewirken, will ich hoffen.”

Klang bündeln by Mikael Rudolfsson - Trombone

Klang bündeln, Geräusche einordnen, eingrenzen, der Musik freien Lauf lassen, so organisieren, dass die Schichten wahrnehmbar sind, dass das Ohr es alles annehmen kann.

In einer irgendeiner Partitur, bei Mahler, bei Haas, Grisey oder 5K HD, egal.

Schönheit, was ist das? Fragst du Lachenmann. Fragst du mich? Wenn du den Begriff Schönheit für dich aktualisierst, aktualisiert die Neue Schönheit dich.

Übrigens, es ist längst nicht vorbei mit der Neuen Musik. Wir haben gerade erst angefangen.

Neues Lebensjahr, neue Abenteuer.

Die Sache by Mikael Rudolfsson - Trombone

Jonathan Meese mag ein in allen Hinsichten extremer Künstler sein. Aber wenn er sagt: "In der Diktatur der Kunst regiert die Sache, wie Licht, Atmung, Gelee (Erz), Liebe oder totale Schönheit, wie z. B. Scarlett Johansson", dann hat er recht. Je mehr Musik ich spiele, je mehr Kunst ich sehe, desto wichtiger wird sie mir, diese Sache.

Die Sache, ohne sie geht es nicht. Gerade in einer Gesellschaft die sowohl überflutet als überfüllt ist: von gefälschten Nachrichten und digitalen Pseudowelten, von Informationsmüll und naiven Überzeugungen in dieser neuen medial kontrollierten Überwachungsdemokratie, gerade hier tut diese Einsicht so gut. Es gibt sie nämlich noch, die echte Sache, die Sache an die man glauben kann, glauben darf, glauben muss. Meese behauptet es, und ich entdecke sie jeden Tag in meiner Arbeit aufs Neue wieder.

Und wie befreiend war es nicht, bei der am vergangenen Wochenende stattfindenden Ernst von Siemens-Preisverleihung, die Musik von Beat Furrer zu spielen, nach drei ziemlich nichtsagenden Klangstudien dreier Förderpreisträger, die Erlösung: Furrers Musik: Musik mit Flow, Musik mit Bogen, Musik mit echten, erzählerischen Qualitäten.

Der Klang ist die Seele der Musik, das habe ich schon lange gedacht, und wenn wir die Echtheit in unseren Leben zulassen, unser Hören pflegen, und standhaft an dieser Sache festhalten, dann pflegen wir auch unsere Seele. Es regiert eben, die Sache.

Musik konservieren by Mikael Rudolfsson - Trombone

Wie kann man Musik festhalten? Ist es überhaupt möglich, dieses klingende Zeitfenster Magie zu konservieren, zu fangen, ähnlich dem Fangen der Träume in Roald Dahls "Sophiechen und der Riese", ein Buch in dem der gute Riese GuRie Träume aus dem Traumland holt, in Einmachgläsern sammelt und nachts in seine Trompete gießt, um sie in die Schlafstuben der Kinder zu blasen und dadurch ihnen schöne Träume zu bescheren?

Ich lebe streng nach der Devise "Music doesn't take time, it takes place in time" aber letzte Woche haben wir es mit meinem Quintett Ensemble Schwerpunkt gewagt, nach ganz anderen Prinzipien zu arbeiten. Wie ein Eisbrecher auf dem Weg zum Nordpol haben wir mit allerhöchstem Anspruch die besten Stücke unseres Kernrepertoires im Deutschlandfunk-Kammermusiksaal in Köln für unsere erste CD aufgenommen. Und zwar Satz für Satz, Teil für Teil, Takt für Takt.

Aufnehmen hat nichts mit konzertieren zu tun. Es fordert komplett andere Fähigkeiten, ist ein teilweise mühsamer, sehr langer Prozess. Aber, wie unser Tonmeister gesagt hat, es ist möglich Musik zu konservieren. Man muss dann aber anders vorgehen. Und nachdem ich die ersten Ergebnisse oben im Studio gehört hatte war ich mir gewiss: es wird ein Hörerlebnis sein. Wir haben auf solch kleine Details Wert legen können, mit den feinsten klanglichen und technischen Werkzeugen arbeiten können, mit Extraohren und Extramikros und Extrakonzentration was erschaffen, was im Konzertsaal nicht möglich ist. Der Tonmeister nochmal: man kann ein Musikerlebnis für die Ewigkeit konservieren, das jederzeit abrufbar ist und immer die Frische behält.

Wie ein Traum in einem Einmachglas.

Das gute alte Telefon by Mikael Rudolfsson - Trombone

Man muss nicht mehr "Smartphone" sagen, ein Telefon ist in diesen Zeiten automatisch ein Smartphone, es gibt einfach niemanden mehr der ernsthaft ein Dumbphone besitzt. Außer mir. Mein geliebtes SonyEricsson W810i ist aber unglücklicherweise vor drei Wochen aus meiner Tasche in die Ostsee gerutscht. Was tun? Naja, ich habe mir sofort ein neues gekauft, natürlich. Identisch, nur in nagelneu.

Was mich erstaunt ist, dass das Besitzen eines Dumbphones nicht öfter als Effektivitetswerkzeug gefeiert wird: Du ersparst dir das Online-Sein, du ersparst dir die Unsicherheit, stets unverschlüsselt, überwacht und digital misbraucht zu werden. Du ersparst dir durch die Effektivizierung die das alles mit sich führt Zeit, das kostbarste Gut was wir haben. Und du förderst das eigene Denken, muss deinen Orientierungssinn pflegen, selber ein paar Zahlen, Vokabeln und Fakten im Kopf behalten die du sonst gegoogelt hättest. Eine Herausforderung - und eine direkte Intelligenzförderung, würde ich behaupten.

Das ist aber nur der Anfang: Die praktische Größe, die unglaubliche Akkuzeit, das schnelle Tippen von T9-Nachrichten sind andere Highlights. Und dieses Wunder ist eine Waffe gegen Kommunikationsinflation - wenn eine SMS noch eine SMS ist und Geld kostet, wenn auch nur ein paar Cent, ist sie auch was wert.

Das neue schwarze Teil liegt gut in meiner Hand, summt zufrieden vor sich hin wenn jemand anruft und verkörpert, ganz nebenbei, ein historisches Kapitel schwedischer Industriegeschichte. SonyEricsson, ach, waren das schöne Zeiten. Japanische Präzision und schwedisches Kommunikationsdesign. Ein schönes Pärchen. Zum Glück habe ich noch eines der letzten Exemplare im Neuzustand ergattert. Eine Beziehung die hält. Mindestens 10 Jahre noch.

Der Moment der Aufführung oder die Aufführung des Moments by Mikael Rudolfsson - Trombone

Es ist immer anders und neu, wenn eine Komposition aufgeführt wird. Anders als in der Probe. Anders wie in besser – in dem berauschenden Moment der Aufführung wohnt eine solche Kraft inne, und im Gegenteil zu dem was man erwarten könnte ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Gelernte und Geübte in der Aufführung besser klappt als in der Probe erstaunlich groß. In anderen Worten: dass die Musik über sich selbst und über dein Können hinauswächst ist im entscheidenden Moment nicht nur möglich sondern höchstwahrscheinlich.

Ich rede nicht nur von dem nach wie vor immer schönen Erlebnis, für ein Publikum zu spielen, nein, ich rede von der rein technisch-künstlerischen Präzision der Musik in der Aufführung als Beweis für ihre unmittelbare Kraft. Von dem Erlebnis, wie der Arm von sich selbst wie im Trance die richtigen Positionen findet, wie die Feinsensibilität in den Lippen sich viel genauer anfühlt als sonst. Ist es dieses Gefühl Sportler empfinden, wenn sie im Stadion angefeuert werden? Oder ist es einfach die Befriedigung, wenn wir nach Jahrzehnten Vorbereitung immer wieder das abrufen dürfen, was wir mit solcher Mühe geübt und gelernt haben?

  • Probe=(aus)probieren
  • Vorstellung/Aufführung=wir stellen es vor/führen es auf. Befinden uns im Flow.

An dieser Stelle möchte ich eine Klangbrücke zu dem Komponisten Wolfgang Rihm schlagen: Rihms Musik ist eine die stets als Geste funktioniert, eine Musik die eine gebündelte Kraft darstellt, treffsicher auf den Punkt gebracht, eine Gegenrede zur Stille, handgeschrieben auf einem Blatt Papier, eine Genauigkeit des Zusammenspielens in Noten ausnotiert. In ihr wohnt der Klang als Skulptur, mit Axt und Rasierklinge zu einer oft vollendeten Form geschliffen. Und in diesem schwarzen energiegeladenen Loch ist es oft so, als würde die Musik sich selbst spielen.

Das war für mich die Essenz des Wolfgang Rihm-Festivals »Klangbrücken 2017« der letzten Tage. Ein sehr schönes Festival das mit dem gestrigen Konzert mit seinem »Chiffre«-Zyklus zu Ende ist. Dafür warten viele noch unerhörte, neue, spannende und unerwartete musikalische Abenteuer im Mai und Juni auf uns. Einfach offen bleiben, stets neugierig und wach sein, das gilt sowohl für mich wie für das Publikum, dann kommen immer die schönsten Überraschungen. Und dann packt uns die Magie im Moment der Aufführung. Immer wieder. Versprochen.

Wir sehen uns in der Musik!

Euer Mikael

Hoffnung für die Sauerei by Mikael Rudolfsson - Trombone

Ensemble Modern spielt Frank Zappa am 22.2.2017 im Berliner Konzerthaus:

"...das titelgebende Schwein grunzt kurz in den Saal, doch es ist eine Passage, die Zappas Gitarrensoli auf Posaune und Geige überträgt, in der improvisatorisches Feuer aufglimmt. Hier hätte sie beginnen können, die aktuelle Sauerei."

- Ulrich Amling im Tagesspiegel am 24.2.2017

Ach, wie schön ist sie nicht, die Sauerei. Thank you for the music, Frank Zappa!

2016 – das war schön! by Mikael Rudolfsson - Trombone

Angeblich soll Mozart einen Papagei gehabt haben, der immer eines seiner Klavierkonzerte perfekt gepfiffen haben soll, bis auf einen Ton. Dies habe dem guten alten Wolfgang Amadeus so sehr geärgert, dass er nach dauerhaftem hartnäckigen Fehlerpfiff des Papageis den Ton in der Partitur änderte mit der handschriftlichen Bemerkung: „Das war schön!”

Es ist Zeit für mich geworden, das hinter uns liegende Jahr zusammenzufassen und ich sage wie Mozart – das war schön. 2016 war ein Jahr von kreativen Projekten und solistischen Impulsen, ein Jahr der Neuentdeckungen, Wiederentdeckungen und Überraschungen. Und das Jahr, in dem ich mit dieser Homepage angefangen habe und mehr von meinem Alltag mit Ihnen teilen darf.

Besondere Höhepunkte im Jahr 2016 waren für mich die Solokonzerte mit Orchestern; mit dem Gävle Symfoniorkester in Benjamin de Murashkins Cosmic Dancer, sowie mit dem Collegium musicum Hannover und dem Konzert von Derek Bourgeois in einem rappelvollen Lichthof der Universität Hannover. Außerdem gab es als wichtigen Kontrast das Alposaunenkonzert von Leopold Mozart in Öregrund und Stockholm und unzählige Uraufführungen: mit Klangforum Wien, Ensemble Modern, meinem eigenen Ensemble Schwerpunkt und als Solist.

Das kosmische Thema hat mich seit dem Cosmic Dancer im Februar das ganze Jahr begleitet: in Karlheinz Stockhausens komplettem Tierkreis mit seinen Spieluhren in Bonn, Hannover und Neuenkirchen. Oder beim kosmonautischen Höhenflug DISCO mit dem Orchester im Treppenhaus beim Fusion-Festival im Sommer. Möge es genau so aufregend, vielseitig und spannend weitergehen im frischen, neuen Jahr 2017!

 

Komponist des Jahres: J.S. Bach. Es ist immer Bach.

Moment des Jahres: Das Posaunensolo bei Sofia Gubaidulinas Quattro im Konzerthaus Wien im November. Manchmal klappt einfach alles. Oder die immer einkehrende Stille nach dem schwedischen Volkslied Ack värmeland du sköna, mein ständiger Begleiter aus der Heimat und Dauerzugabe bei meinen Solokonzerten.

Hoffnung für 2017: Dass sich die Menschen mehr Zeit für einander nehmen, weniger mit ihren Smartphones beschäftigt sind und jeden Tag zumindest ein paar Takte Bach hören werden.

 

Ich wünsche Ihnen allen ein wunderbares 2017!

 

Mikael